Sollte man B-Vitamine im Blut messen?
Macht es Sinn, B-Vitamine einzeln im Blut zu messen? In den meisten Fällen ist das nicht der beste Test. Theoretisch können Sie in der Blutprobe alle einzelnen B-Vitamine bestimmen.
In der Praxis macht man das aber routinemäßig nicht.
Und das hat einen einfachen Grund: Einzelwerte im Blut sagen oft weniger aus, als man denkt. Für die Beurteilung der B-Vitamin-Versorgung ist ein funktioneller Test meist hilfreicher.
Dabei geht es nicht nur darum, wie viel von einem Vitamin im Blut zirkuliert. Es geht darum, ob der Körper diese Stoffe auch wirklich sinnvoll nutzt.
Ein wichtiger Marker ist Homocystein.
Homocystein bildet sich ständig im Körper. Damit es abgebaut werden kann, brauchen Sie vor allem Vitamin B6, Folsäure und Vitamin B12. Wenn der Homocystein-Spiegel niedrig ist, spricht das in vielen Fällen dafür, dass Sie mit diesen B-Vitaminen gut versorgt sind.
Und genau deshalb ist Homocystein für die Beurteilung oft so wertvoll. Wir haben über die Jahre viele Bluttests gesehen. Früher wurden auch einzelne B-Vitamine häufiger gemessen.
Wenn jemand mit diesen drei B-Vitaminen gut versorgt war, fanden wir fast nie zusätzlich Mängel an anderen B-Vitaminen. Das ist natürlich nicht in jedem Einzelfall gleich, aber es ist eine klinisch wichtige Beobachtung.
Ist der Homocystein-Spiegel hingegen zu hoch, dann liegt irgendwo ein Problem im System vor. Das kann an einer zu geringen Zufuhr von Vitamin B12 liegen. Es kann auch an einer zu geringen Folsäurezufuhr liegen.
Oder es liegt eine bestimmte Methylierungsstörung vor. Dann gilt es, weiter abzuklären.
Als erster Schritt wird häufig ein B-Komplex oder ein Multivitamin mit B-Vitaminen eingesetzt.
Das ist oft sinnvoll, vor allem wenn nicht bekannt ist, dass bereits eine hohe Zufuhr besteht. Denn ein erhöhter Homocystein-Spiegel ist nicht nur irgendein Laborwert. Er gilt als eigenständiger Risikofaktor, zum Beispiel für Demenzen.
Und Homocystein kann dazu beitragen, dass Cholesterin leichter in die Wände von Blutgefäßen eindringt. Sie kennen unsere Sichtweise: Cholesterin ist nicht automatisch böse.
Es ist nur ein notwendiger Bestandteil der Arteriosklerose. Wenn aber durch hohe Homocystein-Spiegel die falsche Umgebung entsteht, wird es problematisch. Dann wollen wir das gezielt angehen.
Bei der Supplementierung von B-Vitaminen ist jedoch auch Vorsicht wichtig.
Es gibt Studien, die zeigen, dass Vitamin B12 und auch Vitamin B9, also Folsäure, in bestimmten Krebserkrankungen mit einem schnelleren Wachstum zusammenhängen können, wenn die Spiegel sehr hoch sind.
Ob die Vitamine das Wachstum direkt beschleunigen oder ob sie nur notwendige Stoffe für Zellwachstum liefern, ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt.
Wahrscheinlich ist es eher so, dass Zellen bei Überversorgung besser wachsen können.
Das gilt für gesunde Zellen, aber eben möglicherweise auch für krankhafte Zellen. Deshalb habe ich bei Patienten auch nicht automatisch ein schlechtes Gefühl, wenn ein Vitamin-B12-Spiegel einmal über dem Standard liegt.
Das muss man individuell bewerten. Für mich ist wichtiger, dass der Homocystein-Spiegel vernünftig ist.
Und noch ein Punkt: Wenn Sie Vitamin B12 oder Folsäure normal supplementieren und der Homocystein-Wert trotzdem nicht gut ist, dann ist der nächste Gedanke nicht, einfach immer mehr zu geben.
Genau das ist oft keine gute Idee. Eine sehr hohe Vitamin-B-Zufuhr führt in der Regel nicht einfach zu besseren Ergebnissen. Und dann kommen Sie unter Umständen in einen Bereich, in dem es zu viel wird.
Vitamin B6 ist hier besonders erwähnenswert. B-Vitamine gelten zwar als wasserlöslich und meist recht unproblematisch. Trotzdem sind für Vitamin B6 Toxizitäten beschrieben.
Die sind selten, aber möglich. Der Körper scheidet zwar vieles aus, aber bei dauerhafter Zufuhr kann sich trotzdem eine Überversorgung entwickeln. Es gibt Menschen, die schon auf geringe Mengen empfindlich reagieren.
Deshalb ist es nicht klug, mit B-Vitaminen völlig unkritisch umzugehen. Auch wenn man sie häufig als harmlos betrachtet, können sie in bestimmten Situationen Probleme machen. Gerade bei Vitamin B6 sollte man das im Blick behalten.
Warum ist Homocystein der Einzelmessung von Vitaminen überlegen? Weil ein normaler oder grenzwertiger Vitamin-B12-Wert nicht automatisch bedeutet, dass alles ausreichend ist. Viele Patienten kommen mit einem niedrigen Normalbereich, und dann heißt es schnell: Das ist doch gut genug.
Für die betroffene Person ist es das aber oft nicht. Sie braucht möglicherweise deutlich mehr.
Wenn wir dann Homocystein bestimmen, sehen wir häufig, dass der Bedarf eigentlich höher ist.
Und wenn man nachmisst, erkennt man manchmal, dass deutlich höhere Vitamin-B12-Spiegel nötig sind, um ein ideales Ergebnis zu erreichen. Genau darin liegt der Vorteil des funktionellen Tests.
Im Vitamin-B12-Stoffwechsel gibt es außerdem weitere Marker. Dazu gehören Methylmalonsäure und bioaktives B12. Diese Werte sind für bestimmte Fragestellungen sinnvoll. Vor allem bei speziellen Konstellationen, etwa wenn man sich mit Nitrostress beschäftigt, braucht man solche gezielteren Untersuchungen.
Das ist dann keine pauschale Angelegenheit mehr, sondern gehört in eine individuelle Beratung.
Und gerade bei seltenen Störungen ist Erfahrung wichtig. Wer solche Zusammenhänge beurteilt, sollte die Nuancen kennen.
Ein grobes Schema reicht hier nicht immer aus. Denn wenn man etwas übersieht, kann das zu Fehlern führen.
Ein kleiner praktischer Nachteil bleibt: Homocystein ist in einer Blutprobe nicht ganz so unkompliziert.
In der Probe kann es sich weiter verändern, weil dort noch rote Blutkörperchen enthalten sind. Deshalb ist die Bestimmung nur unter bestimmten Bedingungen zuverlässig. Entweder wird das Blut direkt vor Ort abgenommen, oder es werden spezielle Röhrchen verwendet, die die roten Blutkörperchen inaktivieren, damit der Homocystein-Wert stabil bleibt.
Deshalb kann man Homocystein nicht in jeder beliebigen Blutprobe sinnvoll messen. Wenn nur B12 und Folsäure per Post bestimmt werden, bleibt immer eine gewisse Unsicherheit zur tatsächlichen B-Vitamin-Versorgung.
Wird das Blut direkt vor Ort abgenommen, ist der Homocystein-Wert deutlich aussagekräftiger. Und das ist dann für die Beurteilung der Versorgung meist der höhere Standard.
Sie sehen also: B-Vitamine im Blut zu messen kann im Einzelfall sinnvoll sein.
Für die allgemeine Beurteilung ist aber Homocystein oft der bessere Marker. Es zeigt, ob das System wirklich gut arbeitet. Und genau das ist in der ärztlichen Praxis meist die entscheidende Frage.