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Dr. Gerschs Wissensarchiv | Von chronischer Krankheit zu Langlebigkeit
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Melatonin ist vielen vor allem als Schlafhormon bekannt. Üblicherweise werden für die Unterstützung des Schlafes geringe, sogenannte physiologische Dosen eingesetzt das entspricht einer körpereigenen Produktion von etwa 0,3 Milligramm pro Tag.
Doch was geschieht, wenn man Melatonin in deutlich höheren Dosen anwendet? Neue Literatur beschäftigt sich zunehmend mit den Effekten von sogenannten Megadosen und deren möglichem Einfluss auf das Nervensystem, die Prävention von Demenz und weitere gesundheitliche Aspekte.
In einer vielzitierten Studie aus dem Jahr 2020 wurden Laborratten verschiedenen Gruppen zugeordnet, wobei einige Tiere sehr hohe Dosen von Melatonin (100 mg/kg) erhielten.
Bei einem künstlich geschädigten Ischiasnerven zeigten gerade diese Ratten eine überraschend schnelle Regeneration der Nervenfunktion. Messungen der Nervenleitgeschwindigkeit und histopathologische Untersuchungen wiesen darauf hin, dass die axonale Struktur besser erhalten blieb, auch wenn ein gewisser Myelinverlust beobachtet wurde.
Das legt nahe, dass Melatonin in hohen Dosen die Erholung und Reparatur des Nervensystems fördern könnte.
Diese Ergebnisse sind vor allem im Hinblick auf die Demenzprävention von Interesse.
Menschen, die im späteren Leben an Alzheimer erkranken, leiden oft schon Jahre vorher unter Schlafstörungen. Unklar bleibt, ob schlechter Schlaf Demenz begünstigt oder ob beides gemeinsame Ursachen hat.
Die neuroprotektiven Effekte von Melatonin könnten jedenfalls eine unterstützende Rolle spielen.
Auffällig sind auch Daten zu anderen Erkrankungen im Nervensystem.
In einer placebokontrollierten Studie zur multiplen Sklerose erhielten Patienten über 12 Wochen das Zehnfache der physiologischen Melatonin-Dosis. Auch hier fanden sich positive Effekte auf die neurologische Funktion gemessen zum Beispiel in Verbesserungen einfacher Geschwindigkeitstests.
Es entsteht der Eindruck, dass Melatonin sogar in noch höheren Dosierungen ein gewisses Potenzial in der Unterstützung neurologischer Gesundheit besitzen könnte.
Melatonin wirkt als starkes Antioxidans.
Viele Erkrankungen des menschlichen Körpers sind mit oxidativem Stress und Entzündungsprozessen verbunden. Studien zeigen, dass Melatonin entsprechende biochemische Kaskaden hemmen kann. Besonders diskutiert wird die Möglichkeit, dass Melatonin beim Abbau von Beta-Amyloid hilft einer Substanz, die bei Alzheimer-Patienten typischerweise im Gehirn abgelagert wird.
Signifikant ist dabei, dass nur hohe Dosen in den Studien überhaupt relevante Effekte zeigen.
Wie sicher sind nun diese enormen Dosen? Eine Meta-Analyse hat Daten aus verschiedenen Studien mit Dosierungen ab 10 Milligramm bis hin zu mehreren hundert Milligramm gesammelt.
Interessanterweise werden ernste Nebenwirkungen nur selten berichtet und wenn, dann treten diese auch in Kontrollgruppen auf. Leichte Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Schläfrigkeit oder ein gewisses HangoverÜ-Gefühl kommen hingegen häufiger vor.
Auch sehr hohe Dosen, wie sie zum Teil intravenös oder transdermal angewendet wurden, wurden in Einzelfällen über mehrere Jahre vertragen.
Eine Argentinische Studie lässt Rückschlüsse auf die Wirkung oraler Hochdosen (bis zu 200 mg täglich) über bis zu zehn Jahre zu.
Die überwiegende Mehrheit der Probanden ertrug die Gabe gut ernste Nebenwirkungen wurden nicht systematisch dokumentiert. Dennoch ist zu beachten, dass diese Studien qualitative Schwächen haben und oftmals die Kontrollgruppen nicht optimal angelegt wurden.
Melatonin beeinflusst verschiedene Enzyme der Leber und kann so die Wirkung anderer Medikamente verstärken. Speziell der Wirkstoff Fluvoxamin erhöht die Melatoninspiegel deutlich.
Außerdem ist bekannt, dass Alkohol die Wirkung von Melatonin abschwächt, während Tabakkonsum den Spiegel senkt. In Vorgeprächen mit Melatonin sollten mögliche Wechselwirkungen und Begleiterkrankungen stets einbezogen werden.
Ein Punkt der Anwendung: Melatonin wird in der Leber erheblich abgebaut (First-Pass-Effekt). Wer sehr hohe Dosen therapeutisch nutzen möchte, sollte auf alternative Applikationsformen wie transdermale Cremes zurückgreifen.
Diese können nach Rücksprache mit Apotheken individuell gefertigt werden und ermöglichen es, wirksame Blutspiegel auch bei hoher Dosierung zu erzielen.
Zusammenfassend zeigen aktuelle Studien, dass Melatonin hochdosiert eingesetzt durchaus Wirkung auf das Nervensystem, den oxidativen Stress und möglicherweise auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen entfalten kann.
Ein Look auf Langzeitdaten deutet auf eine insgesamt gute Verträglichkeit hin. Dennoch bleibt die Studienlage lückenhaft, und nicht alle positiven Effekte können zweifelsfrei bestätigt werden.
Wer über den Einsatz hoher Melatonin-Dosen nachdenkt, sollte das immer individuell ärztlich begleiten lassen und mögliche Risiken und Nebenwirkungen beachten.