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Dr. Gerschs Wissensarchiv | Hashimoto Meistern Community
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Kann eine besondere Eiweiß- und Fettkost die mitochondriale Funktion verbessern? Diese Frage wird immer wieder gestellt, wenn es um Zellatmung, Energie und auch um Erkrankungen mit gestörter Stoffwechselregulation geht.
Im Zentrum steht dabei oft die bekannte Kombination aus Leinöl und Magerquark, wie sie auf die Arbeiten von Johanna Budwig zurückgeführt wird. Die Idee dahinter ist, dass hoch ungesättigte Fettsäuren und schwefelhaltige Aminosäuren gemeinsam die Sauerstoffverwertung in den Zellen verbessern könnten.
Die Theorie entstand in den 1950er Jahren. Sie war für ihre Zeit ungewöhnlich fortschrittlich. Und sie knüpfte an den Warburg-Effekt an, also an die Beobachtung, dass Tumorzellen trotz vorhandenen Sauerstoffs häufig Glukose vergären.
Daraus wurde damals abgeleitet, dass die mitochondriale Atmungskette geschädigt sei. Aus dieser Sicht sollte eine gezielte Ernährung helfen, die Zellatmung wieder anzuregen.
Johanna Budwig nahm an, dass hoch ungesättigte Fettsäuren wie die Alpha-Linolensäure aus Leinöl Elektronen bereitstellen könnten.
Dadurch sollte die mitochondriale Sauerstoffverwertung verbessert werden. In Verbindung mit schwefelhaltigen Proteinen aus Quark, vor allem mit Cystein und Methionin, sollte ein wasserlöslicher Lipid-Protein-Komplex entstehen.
Dieser Komplex sollte die Zellmembran stabilisieren und die mitochondrialen Sauerstofftransporte reaktivieren.
Und genau an diesem Punkt lohnt sich die heutige wissenschaftliche Einordnung. Aus aktueller Sicht gibt es keine Antikrebsernährung im eigentlichen Sinn.
Es ist nicht belegt, dass sich entartete Zellen allein durch ein bestimmtes Substratangebot in gesundes Gewebe zurückverwandeln. Wahrscheinlicher ist, dass der Warburg-Effekt eher eine Folge onkogener Signalwege ist und nicht die eigentliche Ursache der Malignität.
Das bedeutet aber nicht, dass Ernährung für die mitochondriale Gesundheit unwichtig wäre. Im Gegenteil. Eine gute Stoffwechselversorgung, ausreichende Energieverfügbarkeit und eine funktionierende Sauerstoffnutzung sind für viele Patienten relevant.
Trotzdem ist die Vorstellung, man könne durch Leinöl und Quark gezielt Elektronen in die mitochondriale Membran pumpen, biochemisch nicht überzeugend.
Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft die Zusammensetzung der Fette.
Hoch ungesättigte Fettsäuren sind sehr peroxidationsanfällig. Das heißt, sie können unter oxidativem Stress leicht geschädigt werden. In Tumorzellen kann eine übermäßige Anreicherung mehrfach ungesättigter Fettsäuren Prozesse wie Lipidperoxidation und auch Ferroptose begünstigen.
Das ist ein eisenabhängiger Zelltodmechanismus, der erst in den letzten Jahren stärker in den Blick geraten ist.
Manche positiven Berichte unter einer solchen Diät könnten daher eher auf einen unspezifischen oxidativen Effekt zurückgehen.
Wenn Tumorzellen durch oxidativen Stress geschädigt werden, kann das kurzfristig als Nutzen wahrgenommen werden. Das Problem ist nur, dass dieser Effekt nicht selektiv auf Tumorzellen begrenzt bleibt.
Auch andere Zellen können geschädigt werden. Und genau deshalb raten viele rzte von einer regelmäßigen, hohen Zufuhr mehrfach ungesättigter Fette in diesem Kontext ab.
Hinzu kommt, dass die Mischung aus Leinöl und Magerquark zwar physikalisch eine Emulsion ergibt, daraus aber keine neuartigen, kovalent gebundenen Transportmoleküle entstehen.
Die Resorption und die weitere Verstoffwechselung laufen weiterhin über die normalen Stoffwechselwege, vor allem über den Darm und die Leber. Die Grundidee, auf diesem Weg gezielt die mitochondriale Membran zu versorgen, lässt sich so nicht bestätigen.
Wenn Sie die mitochondriale Funktion verbessern möchten, denken viele rzte heute eher an andere Strategien. Ein wichtiger Ansatz ist die Bewegungstherapie. Hier spielt die Aerotherapie beziehungsweise das Training mit gezielter Atem- und Belastungssteuerung eine Rolle.
Über den Bohr-Effekt kann die Sauerstoffabgabe im Gewebe beeinflusst werden. Entscheidend ist dabei nicht einfach möglichst viel Sauerstoff einzuatmen, sondern die Sauerstoffverfügbarkeit in der Zelle zu verbessern.
Und das ist paradoxerweise ein häufiger Denkfehler. Tieferes Atmen bringt zwar mehr Sauerstoff in den Körper, senkt aber oft den CO2-Spiegel zu stark. Weniger CO2 kann dazu führen, dass Sauerstoff an das Gewebe schlechter abgegeben wird.
Gerade bei mitochondrialer Dysfunktion ist das ein wichtiger Punkt. Nicht selten ist also nicht zu wenig Luft das Problem, sondern eine ungünstige Atemregulation.
Auch eine zu starke Einschränkung der Ernährung kann problematisch sein.
Eine sehr restriktive Diät mit Leinöl und Magerquark liefert nur eine begrenzte Nährstoffvielfalt. Das kann dazu führen, dass der Körper zu wenig Substrat erhält. Bei onkologischen Patienten ist das besonders kritisch.
Denn eine unzureichende Energie- und Eiweißzufuhr kann die Belastbarkeit weiter senken und die Gesamtsituation verschlechtern.
Deshalb ist Vorsicht geboten, wenn mit einfachen Ernährungsregeln komplexe Stoffwechselstörungen behandelt werden sollen.
Eine Verbesserung der Mitochondrienfunktion ist ein sinnvolles Ziel. Der Weg dorthin sollte jedoch auf gesicherter Biochemie und auf klinischer Erfahrung beruhen. Und genau hier zeigt sich, dass die klassische Budwig-Idee wissenschaftlich nicht ausreichend trägt.
Wer sich mit Krebs als Stoffwechselerkrankung beschäftigt, wird dennoch feststellen, dass Ernährung ein wichtiger Teil des Gesamtkonzepts bleiben kann. Es geht dabei aber nicht um eine Rückverwandlung von Tumorzellen durch einzelne Lebensmittel.
Es geht vielmehr um Stabilisierung, um Energieversorgung, um Entzündungsregulation und um das Vermeiden von weiteren metabolischen Belastungen.
Die Diskussion um Leinöl, Quark und Zellatmung zeigt deshalb vor allem eines: Ernährung kann biologische Prozesse beeinflussen, aber nicht jede theoretisch plausible Kombination ist auch therapeutisch wirksam.
Für die mitochondriale Gesundheit sind Bewegung, eine ausgewogene Ernährung und eine sinnvolle Atemphysiologie meist deutlich nachvollziehbarer als der Versuch, mit einer speziellen Fett-Eiweiß-Mischung die Atmungskette direkt zu reparieren.
Und genau deshalb sollte man bei Beschwerden, bei vermuteter mitochondrialer Schwäche oder bei onkologischen Erkrankungen immer das gesamte Stoffwechselbild betrachten. Nur dann lässt sich beurteilen, welche Form der Ernährung wirklich unterstützt und welche eher unnötige Risiken mit sich bringt.